Herr Dr. Hauke, was passierte eigentlich mit gebrauchtem Glas, bevor es gesammelt wurde?
Im Prinzip ist Glas schon von seiner Natur her für Recycling gedacht. Aber natürlich fehlte es lange Zeit am Know-how – nicht nur den Römern (lacht). D.h., Glasverpackungen wurden entweder wiederverwendet, sei es als Mehrwegsystem über den Handel oder direkt im privaten Haushalt. Was nicht wiederverwendet wurde, kam in den Müll und landete letztendlich auf den Deponien. Das war sehr schade und eine unglaubliche Rohstoffverschwendung dazu. Daher kam es zur Initiierung der Altglassammlung und der Gründung der AGR.
 
Wie darf man sich die Anfänge der organisierten Altglassammlung vorstellen?
Begonnen hat alles mit Sammelprojekten im Großraum der österreichischen Glaswerke. Unterstützt wurden diese Sammlungen oft von karitativen Organisationen. 1976 kam es zu ersten Testsammlungen und 1977 wurden erstmals in ganz Österreich Sammelbehälter aufgestellt. Die Sammelmenge lag damals bei 9.000 Tonnen Altglas. Aber bereits ein Jahr später waren es 29.187 Tonnen.
 
Wenn Sie auf 40 Jahre Glassammlung zurückblicken, wo liegen dann die Meilensteine?
Wenn wir in der Sammel-Geschichte weitergehen, dann machen wir jetzt einen Sprung ins Jahr 1991, denn zu diesem Zeitpunkt lag die Sammelmenge bereits bei 157.000 Tonnen Altglas. 1993 folgte ein wichtiger Schritt: Die Verpackungsverordnung (VVO) trat in Kraft. Sie regelt Recycling, Sammlung und Verwertung sowie Finanzierung der Verpackungen in Österreich. Betroffen von der VVO ist jedes Unternehmen in Österreich, das Verpackungen in Verkehr setzt. Es ist nun gesetzlich verpflichtet, für die Sammlung und Verwertung dieser Verpackungen aufzukommen. Um dieser Verpflichtung nachzukommen, wurde von Seiten der Industrie das ARA System ins Leben gerufen. Der nächste wichtige Meilenstein für die AGR folgte mit dem Millenniumswechsel: Erstmals wurden über 200.000 Tonnen Altglas recycelt. Im selben Jahr hat die AGR ein eigenes Umweltmanagementsystem etabliert. 2007 haben wir den ersten Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht und 2014 kam es zur strategischen Verschränkung mit der ARA Servicegruppe, um die Synergien optimal zu nutzen. Ein Jahr später folgte die Marktöffnung. Seitdem engagieren sich neben der AGR auch andere Verpackungssammelsysteme für das Glasrecycling. Im selben Jahr wurde die AGR als eines der ersten Unternehmen nach der CSR-Norm 192500 zertifiziert.
 
…und wo steht die Glassammlung heute?
Im Jahr 2016 wurden 235.700 Tonnen Altglas gesammelt. Das ist ein neues Rekord- ergebnis. Die Steigerungsrate mag jetzt im Vergleich zu dem Ergebnis des Jahres 2000 nicht so sensationell anmuten. Aber nur auf den ersten Blick, denn man muss bedenken, dass Glas durch die technologische Entwicklung der letzten Jahre deutlich leichter geworden ist. D.h., der geringere Anstieg der Tonnage steht in keinem Verhältnis zur stark gestiegenen Stückzahl der gesammelten Glasverpackungen, denn die typische Glasflasche ist heute um 30 bis 40 Prozent leichter als vor 20 Jahren. 
Sehr stolz sind wir auf die konstant hohe Recyclingquote von rund 80 %. Wobei sich 97 % aller Österreicher an der Glassammlung beteiligen. Ein extrem hoher Wert! Damit gehört Österreich innerhalb Europas zu den fleißigsten Sammlern. Wir sind auch stolz darauf, dass die AGR 2014 im europäischen Parlament vom Generaldirektor der Umweltkommission und vom österreichischen Umweltminister als europäisches Best-Practice-Beispiel in der Glassammlung gewürdigt wurde.
 
Welche Entwicklungspotenziale sehen Sie noch in der Altglassammlung?
Wir sammeln derzeit rund 235.000 Tonnen, 40.000 Tonnen landen noch immer im Restmüll. Somit liegt die rechnerische Gesamtmenge des zu sammelnden Altglases in Österreich bei 275.000 Tonnen. Quantitatives Potenzial ist folglich noch da, aber wir müssen realistisch sein, denn die letzten Tonnen sind immer die aufwändigsten und schwierigsten. Aber speziell in den Großstädten, wo die Anonymität die Fehlwürfe fördert, ist sicherlich noch etwas möglich. Und gerade mit Wien haben wir gute Kooperationen und zahlreiche Projekte, um die Bevölkerung weiter zu sensibilisieren. Selbstverständlich arbeiten wir auch permanent daran, sowohl die Sammelbehälter-infrastruktur zu optimieren als auch unsere eigenen Abläufe effizient und ökologisch nachhaltig zu gestalten.
 
Welches Glas landet denn im Restmüll?
Zu diesem Thema haben wir erst vor kurzem eine Studie gemacht und es handelt sich häufig um das Weißglas aus der Küche. D.h., das Marmeladenglas, das Gurkenglas oder auch das Sugoglas wird, nachdem der Inhalt verbraucht ist, direkt in den Restmüll geworfen.
 
…zu hoher Reinigungsaufwand?
Wahrscheinlich. Dabei würde es reichen, den verbleibenden Inhalt in den Restmüll zu leeren und das Glas selbst auszuspülen. Es ist nicht notwendig, jedes Marmeladenglas vor der Entsorgung im Altglasbehälter auch noch im Geschirrspüler zu waschen.
 
Sie haben es bereits anklingen lassen, dass die AGR auch an ihren eigenen Abläufen arbeitet. Woran denn im Speziellen?
Vorrangiges Ziel ist es, noch „grüner“ zu werden! Wir haben z.B. zahlreiche Programme laufen, um den CO2-Ausstoß unserer Sammelfahrzeuge zu senken. So konnten wir von 2012 bis heute die Kilometerleistung dank Tourenoptimierungen um 12 % reduzieren. Den maximalen Stickoxid-Ausstoß sowie die maximalen Staubemissionen konnten wir sogar um 50 % senken. Und in diese Richtung wollen wir weitermachen. Dabei hilft uns das Programm „Sustainability Future Council – grüne Logistik”, in dem wir gemeinsam mit Spezialisten Verbesserungspotenziale sichtbar machen. Das Ganze dient nicht zuletzt dazu, die für uns machbaren Ziele der Agenda 2030* umzusetzen. Das ist uns ein großes Anliegen.
 
Vielen Dank für das Gespräch.
  
* Die Agenda 2030 beinhaltet politische Zielsetzungen der Vereinten Nationen, die der Sicherung einer nachhaltigen Entwicklung auf ökonomischer, sozialer sowie ökologischer Ebene dienen sollen. Die Ziele wurden in Anlehnung an den Entwicklungsprozess der Millenniums-Entwicklungsziele entworfen und traten am 1. Jänner 2016 mit einer Laufzeit von 15 Jahren (bis 2030) in Kraft.
 
 
Das Interview führte Mag. Gernot Rath
 
Weitere Informationen unter www.agr.at

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