Wo liegen die Vorteile von Shuttlesystemen gegenüber herkömmlichen Regalbediengeräten?
Bis dato liegen die Vorteile vor allem in den Bereichen Schnelligkeit und Flexibilität. Auch das Thema Energieersparnis nimmt an Bedeutung immer mehr zu. Denn ein Shuttle hat viel weniger Energiebedarf als ein Regalbediengerät.  
Als wir 2002 mit dieser Technologie begonnen haben, gab es für Shuttles in erster Linie Anwendungen im Hochleistungsbereich. D.h., Shuttlesysteme haben dort begonnen, wo Regalbediengeräte aufgehört haben.
 
Und das hat sich geändert?
Ja, denn dank unseres YLOG-Shuttles stoßen wir immer tiefer in die Bereiche der klassischen Regalbediengeräte vor. Früher war ein Lager mit sehr vielen Stellplätzen, aber geringem Durchsatz, einem Regalbediengerät vorbehalten. Doch das YLOG-Shuttle ermöglicht es dem Kunden klein zu beginnen.
 
Was kann das YLOG-Shuttle, das andere nicht können?
Das klassische Shuttlesystem ist auf Ebenen und Gassen bezogen, d.h. man benötigt pro Ebene und Gasse ein Shuttle. Ein Regalbediengerät arbeitet zwar auf mehreren Ebenen, aber nur in einer Gasse. Nehmen wir an, der Kunde hat eine 60 m
lange Lagergasse auf einer Ebene zur Verfügung. Handelt sich um ein langsam drehendes Lager, können Sie es problemlos mit einem Regalbediengerät oder mit einem einzigen Shuttle bedienen. Wenn er aber nur 15 m Länge zur Verfügung hätte, bräuchte er bereits vier Gassen und damit vier Regalbediengeräte bzw. vier Shuttles, obwohl diese leistungsmäßig gar nicht notwendig wären. Würde man in die Höhe bauen, käme er zwar mit einem Regalbediengerät aus, würde aber nach wie vor vier Shuttles benötigen. Jetzt kommt das YLOG-Shuttle ins Spiel. Sein Geheimnis liegt in den lenkbaren Rädern. Denn nun sind nicht nur mehr Längsfahrten möglich, sondern es kann sich auch quer bewegen und drehen. Aufgrund dieser Flexibilität in der Fahrtbewegung kann jeder Regalplatz einer Ebene erreicht werden. Ein Ebenenwechsel findet mittels YLOG-Shuttle-Liften statt. Diese Eigenschaften gewährleisten die Möglichkeit, mit nur einem YLOG-Shuttle ein gesamtes Regal zu automatisieren. Wird dann in Zukunft mehr Leistung benötigt, wird einfach die Zahl der Shuttles erhöht.
 
Ein vollautomatisiertes Regal, das dennoch flexibel ist …
… ja, das ist für uns ein ganz zentraler Punkt, denn früher hieß es, dass eine automatisierte Anlage nicht flexibel sein kann. Dank des YLOG-Shuttles haben wir diesen Widerspruch aufgehoben. Und jetzt sind wir auch in jenem Marktsegment, das ursprünglich den Regalbediengeräten vorbehalten war, wettbewerbsfähig. Es ist auch schon ein entsprechender Trend zu beobachten. So werden in Deutschland bereits 70 % der Neuprojekte mit Shuttletechnologie realisiert. Ich wage zu behaupten, dass es bis 2030 90 %
sein werden.
 
Wie autonom ist das YLOG-Shuttle? Kann es bereits weitere Transportaufgaben übernehmen?
Das YLOG-Shuttle kann sich im Prinzip frei bewegen, es benötigt allerdings noch eine Regalinfrastruktur. Aber Aufgaben der traditionellen Fördertechnik können bereits durch das YLOG-Shuttle übernommen werden. D.h. das Shuttle kann das eigentliche Lager verlassen und mittels eines Schienensystems die einzelnen Arbeitsplätze versorgen. Etwaige Förderbänder oder Rollbahnsys-teme sind dadurch obsolet. Ich möchte aber dazu anmerken, dass Fördertechnik auch in Zukunft – speziell im Hochleistungsbereich – ihre Berechtigung und ihre Einsatzbereiche hat.
Aber selbst wenn das Shuttle auf Schienen vom Lager zum Arbeitsplatz fährt, ist ein Teil der Fläche durch die Schienenstränge verbaut bzw. blockiert. In einem nächsten Schritt können wir dann auch auf diese Schienen verzichten.  
 
Wie ist das möglich?
Durch das Open Shuttle von KNAPP. Für diese Entwicklung wurden wir mit dem Top-Innovator-Preis von VW ausgezeichnet.
Wobei das YLOG-Shuttle und das Open Shuttle sich gegenseitig ergänzen. Das YLOG-Shuttle ist die flexible Lösung im Regal, aber außerhalb des Lagerblocks lassen wir in Zukunft die Behälter mit dem Open Shuttle zu den Arbeitsplätzen bringen. D.h., das YLOG-Shuttle bringt den Behälter auf eine Übergabeebene, von dort übernimmt dann das Open Shuttle den Weitertransport. Der Vorteil ist, dass die ganze Halle, bis auf den eigentlichen Regalblock, frei von statischer Fördertechnik ist. Die leere Fläche ermöglicht viel Flexibilität in der Gestaltung der Räumlichkeit und der Arbeitsplätze. Das führt wiederum zu einer deutlichen Effizienzsteigerung des Materialflusses.
 
Im Prinzip klingt das nach einem FTF (Fahrerloses Transportfahrzeug), das es durchaus schon länger am Markt gibt. Wo liegt der Unterschied?
Die Open Shuttles sind freifahrende Roboter, die für den innerbetrieblichen Transport und die Versorgung von Arbeitsplätzen eingesetzt werden. Der Unterschied zu herkömmlichen fahrerlosen Transportfahrzeugen ist, dass sich die Open Shuttles ohne Infrastruktur fortbewegen und sich nahtlos in ihre Umgebung einfügen. Sie reagieren dynamisch auf veränderliche Hindernisse und planen selbstständig ihren Weg und ihre Ausweichrouten.
 
Wie navigiert das Fahrzeug?
Hier fühlt man sich ein wenig an KITT oder Raumschiff Enterprise erinnert, denn die Fahrzeuge tasten mithilfe der integrierten Laserscanner ihre Umgebung während der Fahrt jederzeit ab und können so schnell und flexibel auf Hindernisse reagieren. Durch die natürliche Konturenerkennung wissen die Open Shuttles sofort, ob sie die Möglichkeit haben, dieses zu umfahren oder eine alternative Route gesucht werden muss. Selbstverständlich garantiert die Kombination aus eigener Navigationstechnik und ausgefeilter Sensortechnik eine 100-prozentige Personensicherheit.
 
Sozusagen Plug & Play – einschalten und losfahren?
Nicht ganz, aber fast. Lediglich bei der Inbetriebnahme der Open Shuttles wird mit einer Referenzfahrt im Lager die gesamte befahrbare Fläche eingelernt – diese können sie dann bei der Erfüllung ihrer Aufgaben frei nutzen. Es werden nur jene Bereiche eingeschränkt, welche nicht befahren werden dürfen.
Wir bieten auch ein Flottenmanagementsystem zur zentralen Verwaltung und Überwachung der Open Shuttles. Dieses optimiert die Transportwege, koordiniert die Fahrzeuge untereinander und steuert das Ausweichverhalten.
 
Wenn wir schon bei fortschrittlicher Technologie sind: Was sind die wesentlichen Anforderungen an das Lager der Zukunft?
Natürlich muss alles schneller und auch autonomer werden. Aber die Zauberwörter heißen Flexibilität und Skalierbarkeit. Früher waren die Vorgaben der Kunden klar, denn sie konnten noch zuverlässige Prognosen aufstellen. Und danach wurde die Leistungsfähigkeit des Lagers ausgerichtet. Aber heute in einer Zeit, wo E-Commerce nicht nur den Handel, sondern auch die Produktion betrifft, weiß man vor allem eines: Jede Prognose, die ich heute mache, wird so nicht eintreffen. Daher muss das Lager skalierbar und flexibel sein: Von Losgröße 1 bis in den Hochleistungsbereich hinein.
So gibt es als Einstiegslösung für Lager mit relativ wenigen Stellplätzen die Möglichkeit, dass das Open Shuttle die Betreuung des Lagers übernimmt. In diesem Fall stehen kleine Regale mit Behältern auf dem Boden, die vom sog. Open Shuttle Fork unterfahren und zum Arbeitsplatz gebracht werden. Das Ganze spielt sich nur auf einer Ebene ab. Werden die Anforderungen an Stellplätze und Durchsatz höher, kann dann sukzessive ausgebaut werden.[nbsp
 
D.h., das Lager muss mit den Anforderungen mitwachsen oder auch schrumpfen können …
… ja, aber ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen. Ein Trend geht auch dahin, dass man Technologien mieten kann. Damit eröffnen sich ganz neue Geschäftsmodelle. Bleiben wir beim oben angeführten Beispiel. So wäre es dann möglich, die Open Shuttles für den Bedarfsfall anzumieten. Steigt aber der Durchsatz stark an, können die Open Shuttles zurückgegeben werden und eine entsprechende Regal-, Shuttle- und Fördertechnik installiert werden. Im Prinzip ein ideales Instrument für Firmen im Wachstum.
 
Vielen Dank für das Gespräch.
 
Das Interview führte Mag. Gernot Rath, Chefredakteur der Pack & Log
 

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