Wolfgang Kubesch, Geschäftsführer der BVL Bundesvereinigung Logistik Österreich im Gespräch mit Pack & Log
Der BVL Kongress feiert 2019 sein 35-jähriges Jubiläum. Ist etwas Besonderes in Planung?
Ja, in der Tat wird der 35. BVL Kongress mit zusätzlichen, spannenden Elementen aufwarten können.
 
Können Sie uns verraten, welche Elemente das sind?
Zum einen werden wir mit dem diesjährigen Gastland „Holland Special“ ein besonderes Highlight in unserer Kooperation setzen. Zum anderen wird das Jubiläum am Abend – im Rahmen der Networknight – entsprechend integriert und gefeiert. Wir wollen in die Anfangszeit des BVL Kongresses – das Jahr 1984 – zurückblicken, damals war natürlich vieles anders als heute bzw. hat noch gar nicht existiert. Oder auch umgekehrt, denn heute fahren Sie – dank EU – mit dem LKW von Österreich nach Holland ohne eine einzige Grenzkontrolle. Das war 1984 undenkbar, aber der BREXIT ruft diese Erinnerungen unweigerlich wach. Es ist eben nicht selbstverständlich, dass man Waren ohne Weiteres von A nach B transportieren kann. Wir wollen uns in dieser Rückschau allerdings nicht ausschließlich auf die Logistik beschränken – wohlwissend, dass diese auf nahezu alle Lebensbereiche Einfluss hat.
 
Apropos „existiert“. Die grenzenlose digitale Welt war 1984 noch nicht exis-tentiell, damals war sozusagen noch alles real und von Hand zu erledigen. Heute ist sie die größte Herausforderung. Das spiegelt sich auch im Motto des 35. BVL Logistik Dialogs „Digitale Effektivität – Maximale Agilität“ wider. Ist digitale Effektivität die Grundvoraussetzung für maximale Agilität?
In diesem Fall muss ich eine typisch österreichische Antwort geben: Jein! Wir verstehen es so, dass beide termini technici nebeneinander gesetzt werden, aber auch separiert betrachtet werden können. D.h. es sind zwei Ansätze, die man miteinander verbrämen kann, aber nicht zwingend muss.
 
Können Sie ein Beispiel nennen?
Digitale Effektivität spielt eine große Rolle in der Arbeitswelt, z.B. Terminkoordination. Sie geht auf digitalem Weg wesentlich rascher und sorgt daher für maximale Agilität der Beteiligten. Es kann aber auch ein technisches Problem vorliegen, und nichts funktioniert mehr. Somit ist auch die Agilität faktisch kaum mehr gegeben. Oder denken Sie an die Informationsflut im virtuellen Raum. Jedes Mail wird x-fach „cc“ gesetzt, und Personen, die eigentlich nichts unmittelbar mit der Sache zu tun haben, werden durch irrelevante Nachrichten „zeitlich“ belastet. Wenn das digitale Effektivität ist, dass ich zehn Leute mitlesen lasse, nur weil es in der virtuellen Welt so einfach geht, dann führt dies sicherlich nicht zu maximaler Agilität.
Im Rahmen des Kongresses stehen ganz klar die positiven Effekte der Digitalisierung und der Agilität von Prozessen im Vordergrund. Wir wollen damit nur aufzeigen, dass jede Medaille zwei Seiten hat …
 
Weitere Veranstaltungsthemen sind und ich zitiere: Logistik und Supply Chain Management für Wirtschaft, Gesellschaft, Arbeitswelt und Nachhaltigkeit; Human Machine Interface, Climate Change, On Demand, New Solutions, Complexity und Home Health Care. Dabei fällt auf, dass seit Jahren die Themen am BVL Logistik Kongress sehr weit gefasst sind. Man bemüht sich sichtlichst um eine ganzheitliche Betrachtungsweise …
Wenn Sie diesen Eindruck gewonnen haben, freut mich das sehr, denn genau das ist unser Ziel. Das Leben – gerade in einer vernetzten und arbeitsteiligen Welt – wird von sehr viel Logistik getragen, allerdings sind sich nur die Wenigsten dessen richtig bewusst. In diesem Sinne wollen und müssen wir auch über den Tellerrand blicken. Denn wir als BVL Österreich sehen es besonders als unsere Aufgabe, diejenigen, die sich nicht im Kern der Logistik oder des Supply Chain Managements befinden, aber zwangsweise damit in Berührung kommen, für die Anliegen und die Bedeutung der Logistik zu sensibilisieren. Und Sie haben die Themen ja bereits in Ihrer Frage aufgezählt: Logistik kann zu all den genannten Aspekten den essentiellen Beitrag leisten.  
 
Die „Ganzheitlichkeit“ spiegelt sich auch in der Wahl einiger Speaker wider, die auf den ersten Blick nichts mit Logistik zu tun haben. Letztes Jahr war es der Abt des Stiftes Heiligenkreuz, heuer ist es Brigitte Bierlein, die Präsidentin des österreichischen Verfassungsgerichtshofes …
Auch die Logistik muss sich im Rahmen der Gesetze bewegen. Die Verfassung legt die grundlegenden Spielregeln für uns alle fest. Konkret sind für uns allerdings zwei rechtliche Bereiche von besonderer Relevanz: Zum einen der Datenschutz und zum anderen das Thema Infrastruktur – Beispiel Standortentwicklungsgesetz. Diese beiden Materien haben eine unmittelbare Auswirkung auf die Logistik und das Supply Chain Management. Aus diesem Grund kann es nur positiv sein, dass wir als Logistik-Community verstehen, in welchem verfassungsrechtlichen Rahmen wir uns bewegen. Umgekehrt ist es uns auch ein Anliegen, den Juristen ein Verständnis für logistische Abläufe und Notwendigkeiten zu vermitteln.
 
Der 35. BVL Logistik Dialog dient nicht zuletzt dem Gedankenaustausch und dem Wissenstransfer. Insgesamt werden rund 700 Netzwerkteilnehmer erwartet
Ein Blick auf das Programm zeigt, dass der 35. Kongress diesmal seinen Fokus auf die Nachbarländer legt. Warum?
Asien und insbesondere China sind natürlich ein großes Thema, aber warum in die Ferne schweifen, wenn es auch in der Nachbarschaft wirtschaftlich und logistisch spannende Chancen gibt, die zusätzlich aufgrund der geografischen Nähe ein hohes Vernetzungspotenzial bieten. Deswegen freuen wir uns besonders, dass der Präsident des deutschen Bundesverbandes für Groß- und Außenhandel, Vertrieb und Dienstleistungen, Holger Bingmann die Keynote hält. Zu diesem Verband, kurz BGA, seien nur ein paar Zahlen genannt, um die Größenordnung zu verdeutlichen: Es handelt sich hierbei um einen freiwilligen Zusammenschluss von gut 125.000 deutschen Unternehmen, die in Summe rund 1.000 Milliarden (!) Euro umsetzen. Für dieses Geld muss ganz Österreich fast drei Jahre arbeiten. Holger Bingmann selbst ist Logistikunternehmer und in dieser Funktion Chairman der MELO Group.
 
Das zweite große Standbein des BVL Logistik Dialog ist die Ausstellung „Alles Logistik“. Was bietet sie 2019?
Es freut uns sehr, dass die Ausstellung in den letzten Jahren immer mehr an Aktualität und Bedeutung zugelegt hat. Das unterstreicht den Stellenwert der Logistik. Heuer möchten wir einen Fokus auf Mobilität und alternative Antriebsformen legen. Ebenso spinnen wir einen begleitenden Faden, und zwar in Richtung „Employer Branding“, denn der Fachkräftemangel ist auch in der Logistik ein großes Manko. Zudem hat das Image der Branche noch Potenzial nach oben, deshalb kann sie sich als attraktiver Arbeitgeber in der Pyramide präsentieren. Wir planen eine Kooperation mit Universitäten, Fachhochschulen sowie Maturaklassen, welche einen logistischen Bezug haben, und laden diese zum BVL Logistik Dialog ein, wo sie auf potenzielle, tolle Arbeitgeber treffen. Wir wollen in diesem Zusammenhang besonders junge Frauen ansprechen und sie auf die Pers-pektiven einer Karriere in der Logistik aufmerksam machen. Auf jeden Fall ist es eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten! Und unsere wichtigste Aufgabe ist es ja, die Menschen zusammenzubringen (lacht).
 
Apropos „Image“: Wie wollen Sie dieses optimieren?
Das funktioniert nur gemeinsam. Daher wurde im April 2018 AUSTRIAN LOGISTICS vom Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie, gemeinsam mit der Bundesvereinigung Logistik Österreich, der Industriellenvereinigung, dem Verein Netzwerk Logistik, der Wirtschaftskammer Österreich und dem Zentralverband Spedition & Logis-tik im Rahmen der Logistikinitiative gegründet.
Ziel ist es, die exzellenten, weltweit erbrachten Leistungen österreichischer Logistik hervorzuheben. Außerdem soll der ganzheitliche Nutzen der Disziplin Logistik und ihr vernetzender Beitrag zur Wirtschaft aufgezeigt werden. 
 
Zurück zum Thema „Zusammenbringen“: Das Wichtigste ist meistens der informelle Teil. Und mit der Networknight bieten Sie ja einen nahezu familiären Rahmen …
Ja, und daran wird sich auch am 35. Geburtstag nichts ändern – Open End ist auch diesmal angesagt! Wir werden mit einem spannenden und unterhaltsamen Rahmenprogramm in das Gründungsjahr 1984 eintauchen. Aber wie Sie schon gesagt haben, ist es das Zusammenbringen, was uns wirklich am Herzen liegt. Denn Kennenlernen schafft Vertrauen und Vertrauen legt die Basis für alles Weitere …  
  
Vielen Dank für das Gespräch.
 
Das Interview führte Mag. Gernot Rath, Chefredakteur Pack & Log
 
 
35. BVL Logistik Dialog im Überblick

Termin:  11. bis 12. April 2019
Ort:  Eventhotel Pyramide, Vösendorf
Zeiten:  tägl. ab 8.30 Uhr
Veranstalter: BVL Bundesvereinigung Logistik  Österreich
Ticket:  BVL Mitglieder 770 Euro, Normaltarif 1.280 Euro je netto  pro Person
Infoswww.bvl.at, bvl@bvl.at 
 
 

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