Dipl. Ing. Dr. Silvia Apprich, Studiengangsleiterin an der FH Campus Wien

Fr. Dr.in Apprich, die verpflichtende Mehrwegquote für Getränkeflaschen ist beschlossene Sache. Sind wir auf dem richtigen Weg?
Prinzipiell: Ja! Aber man muss sich im Klaren sein, dass „Mehrweg-Lösungen“ nicht per se nachhaltiger sein müssen als „Einweg-Lösungen“. Es gilt, sich die jeweiligen Lösungsansätze im Detail anzuschauen – insbesondere die Transportwege. Werden die Flaschen zum Waschen und Wiederbefüllen über eine zu hohe Kilometerdistanz gefahren, verursacht alleine der Transport mehr CO2-Ausstoß als die Produktion des Einweggebindes. D.h., die Transportwege müssen kurz gehalten werden, ansonsten macht diese Lösung keinen Sinn. Weiters ist die Mehrweglösung bei Getränkeflaschen auf Glasgebinde beschränkt.

Warum?
Es ist ein Sicherheitsrisiko: Glasflaschen können rückstandsfrei gereinigt werden, Kunststoffflaschen nicht. Der Kunststoff hält dem Reinigungsvorgang nicht stand. Daher besteht die Gefahr, dass Rückstände in der Flasche verbleiben. Denn man weiß ja nicht, was die KonsumentInnen nach der Verwendung der Kunststoffflasche noch darin abgefüllt haben – vielleicht Altöl oder gar ein Pflanzenschutzmittel. Das Risiko kann man nicht eingehen. Daher bleiben Kunststoffflaschen eine Einweglösung und müssen im Recycling-Kreislauf gehalten werden.

Apropos Einweg: Im Gegenzug zur Mehrwegquote kommt das Pfand auf Einweggebinde nicht …
Vorerst nicht. Es ist ein Testsystem angedacht, aber noch nicht eingeführt.

Wir haben ein sehr gut funktionierendes Sammelsystem. Ist für Österreich ein Pfandsystem überhaupt von Vorteil?
Ich denke doch, dass wir die Sammelquoten mithilfe eines Pfandsystems steigern können. Denn es landen nach wie vor genug PET-Flaschen im Restmüll und werden so dem Recycling entzogen. Aber sobald ich auch die leere PET-Flasche mit einem monetären Wert versehe, ist die Motivation sie zurückzubringen und damit im Kreislauf zu halten, höher – davon bin ich überzeugt. Wie hoch diese Steigerung tatsächlich ist, wird man in der Testphase sehen. Aber wenn man nach Deutschland oder Slowenien schaut, dann funktioniert das Pfandsystem dort sehr gut.

PET ist sehr gut recycelbar, aber gesammelt und recycliert werden derzeit nur Flaschen …
Ja, das ist ein Problem. Aber genau zu diesem Thema läuft bei uns unter Koordination der Packforce Austria bereits das „PET2PACK“-Projekt. Hier geht es darum, starre PET-Verpackungen – keine Flaschen, sondern Trays – in den Recycling-Kreislauf zu bekommen.

Wie wird bei PET2PACK vorgegangen?
In einem ersten Schritt geht es darum, die erfassbare Menge der verwertbaren Verpackungen aufzuzeigen. Erst in einem zweiten Schritt befassen wir uns dann mit der Qualität. Die gleiche Thematik haben wir auch in dem Projekt „Pack2The Loop“. Nur geht es hier nicht um PET, sondern um Polyolefine – Polypropylen und Polyethylen.
Bei beiden Projekten zeigt sich, dass es nicht nur um den Kunststoff, sei es nun PET oder PP, sondern um sämtliche Bestandteile bzw. Einzelkomponenten der Kunststoffverpackung geht. Denn es sind gerade die Etikettierung, die Klebstoffe, das Labeling, die Einfärbung, die Farbstoffadditive sowie die Bedruckung, welche große Probleme im Recycling verursachen können, weil sie den Kunststoff „verunreinigen“ können. Hier gilt es, bereits im Vorfeld die richtigen Materialien zu wählen.

D.h., die verwendeten Materialien sind entscheidend für das Gelingen des Recyclingprozesses?
Ja, aber nicht nur die. Denn es geht noch weiter: Selbst, wenn es gelungen ist, reine PET-, PP- bzw. PE-Fraktionen zu gewinnen, können beim Recyclingprozess Nebenprodukte zu Tage treten, die ursprünglich nicht bekannt waren – die sogenannten „non-intentionally added substances“ oder kurz NIAS. Denn ich weiß zwar, aus welchen Materialien die Verpackung ursprünglich bestand, aber ich weiß nicht, was während der Produktion, der Abfüllung, der Lagerung oder dem Recycling passiert ist. Der Kunststoff könnte im Zuge der Wertschöpfungskette an irgendeiner Stelle kontaminiert worden sein. Diese NIAS können toxisch sein und unter bestimmten Umständen in das Lebensmittel migrieren. D.h., es reicht nicht zu sagen: Das Recycling dieser Kunststoffverpackung ist technisch möglich, sondern das recycelte Endprodukt muss auch unbedenklich sein.

Wie stelle ich fest, dass der Kunststoff unbedenklich bzw. sicher ist?
Zur Sicherheitsbewertung von Kunststoff haben wir zwei Projekte laufen. Zum einen „Migratox“. Hier wird der Primärrohstoff bewertet. Die Ergebnisse sind sehr positiv. Noch keine einzige Probe hat eine problematische Verunreinigung durch NIAS aufgewiesen. Aber bei „PolyCycle“, dem zweiten Projekt, hier geht es um recycelten Kunststoff, sieht man vor allem im Bereich Polyolefine, dass sich unerwünschte Stoffe bilden bzw. durch den Sortier- oder Reinigungsprozess im Zuge des Recyclings in den Kunststoff eingebracht werden können. Nur mit ganz speziellen Waschverfahren während des Recyclings können diese Stoffe eventuell wieder entfernt werden.

In zahlreichen Projekten wird an der FH Campus Wien über die Verbesserung der Recyclingfähigkeit von Kunststoffen geforscht

Wechseln wir zum Studiengang Verpackungstechnologie: Wo liegen die Herausforderungen?
Die Verpackungsindustrie agiert global. Aus diesem Grund müssen auch die Studienlehrgänge international zusammenarbeiten. Wir haben daher 2017 begonnen, unseren Fachbereich „Verpackungstechnologie“ zu internationalisieren. Mit einem von der Stadt Wien geförderten Projekt haben wir unser Partnernetzwerk kontinuierlich erweitert. Geholfen haben dabei auch unsere Verbindungen zur World Packaging Organisation. Aber eigentlicher Startpunkt war die Einladung des deutschen Hochschulnetzwerkes zu einem Hochschul-Dialog. Dank dieses Netzwerkes konnten wir schnell zahlreiche Kontakte knüpfen. Das Projekt wurde nach vier Jahren im letzten Februar beendet. In dieser Zeit konnten wir uns international – über europäische Grenzen hinweg – erfolgreich etablieren. So haben wir z.B. eine Kooperation mit der San Jose State University in Kalifornien. Auch mit Australien sind wir in gutem Kontakt. Nachdem Australien ein Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit ist, ist das ein ganz besonders interessanter Partner für uns. Daneben verfügen wir selbstverständlich über zahlreiche europäische Kontakte.
Für die Studierenden ist es mittlerweile sehr wichtig, internationale sowie interkulturelle Kompetenzen zu erwerben. Und für die Forschung ist es natürlich ebenfalls von hohem Interesse. Denn wir bekommen Einblicke, wie der Stand der Dinge in den anderen Ländern ist bzw. wo deren Forschungsschwerpunkte liegen. Daraus kann man wichtige Rückschlüsse ziehen, gerade in den Bereichen Nachhaltigkeit oder Design for Recycling.

Österreich war bei Verpackungsstudiengängen keineswegs Vorreiter, aber wir haben scheinbar aufgeholt?
Ja, das kann man durchaus sagen. Heuer wird der vierte Bachelor- und der zweite Master-Studiengang fertig. Gerade im Master-Studiengang kommt unsere Internationalität zum Tragen. Die Unterrichtssprache ist Englisch und die Studierenden kommen aus aller Welt. Im letzten Jahr waren wir pandemiebedingt eher national bzw. auf den D-A-CH Raum beschränkt. Die Bewerbungen kommen allerdings von allen Kontinenten: Südamerika, Nordamerika, Australien, Afrika, Asien. Aus Indien haben wir jedes Jahr mindestens 10 Bewerber.
Insgesamt bewerben sich jährlich 120 Studierende für den Master-Studiengang und davon 80 aus dem Ausland.

Woraus resultiert dieser große Andrang?
Wir haben uns einen guten Ruf erarbeitet. Dazu bieten wir das Studium berufsbegleitend an, das übt ebenfalls einen großen Reiz aus. Die Studierenden sehen hier die Chance, auch gleich in die Branche einzusteigen.

Sie haben die Pandemie schon kurz angesprochen …
Im März 2020 war es kurzfristig eine Katastrophe, denn wir mussten die extra aus dem Ausland angereisten Studierenden ins Hotel schicken und überfallsartig auf Online-Unterricht umstellen. Unser großer Vorteil ist allerdings, dass E-Learning von Haus aus Teil unseres Lernkonzeptes ist. Bei jedem einzelnen Kurs hat es schon vor der Pandemie neben dem Präsenzunterricht die verpflichteten Online-Module gegeben. Unser Studiengang ist darauf aufgebaut, dass es zwischen den Anwesenheitsblöcken auch ein Lernen zu Hause geben muss. Weiters beinhaltet das Konzept auch, dass die Studierenden sich im Vorfeld Wissen aneignen müssen, das im Präsenzunterricht gefestigt wird.

Also kaum eine Umstellung?
So kann man das leider nicht sagen. Denn im reinen E-Learning geht z.B. die Diskussion – sowohl mit den Lehrenden als auch unter den Studierenden – völlig verloren. Diese Diskussionen sind aber unglaublich wichtig. Insbesondere, da wir berufsbegleitend sind und viele Studierende bereits in der Verpackungsbranche arbeiten. Sie könnten wertvolles Praxiswissen einbringen.
Ein weiterer Punkt sind die Exkursionen. Sie sind während der Pandemie völlig ausgefallen. Es macht aber einen großen Unterschied, ob man die Dinge live vor Ort sieht und von Experten erklärt bekommt, oder ob man sich das Ganze in einem YouTube-Video am Laptop ansieht. Vor Ort kann man die produktionstechnische Funktionsweise und die Zusammenhänge viel besser sehen und verstehen. Man hat einfach einen anderen Zugang, wenn die Maschine vor einem steht.
Und zu guter Letzt ist es für die Vortragenden natürlich sehr schwer, stundenlang vor einem schwarzen Bildschirm zu unterrichten und kein visuelles Feedback zu erhalten. Deswegen habe ich meinen Studenten gesagt, wenn es die Netzwerkqualität zulässt, die Kameras anzulassen. Ich will sie sehen, ich will Reaktionen und Emotionen sehen. Nur dann kann ich auf etwaige Probleme eingehen.

Wie sieht die Planung für das Wintersemester aus?
Im Moment ist die Empfehlung für 40 % Online Learning, aber diese Quote erfüllen wir ohnehin. Wenn es also möglich ist, werden wir im Herbst mit Präsenzunterricht in den entsprechend großen Hörsälen starten.

Die FH Campus Wien ist Veranstalter des österreichischen Verpackungstages. Wird er planmäßig am 28. Oktober 2021 stattfinden?
Wir planen den Verpackungstag schon als Präsenzveranstaltung. Der große Saal im MAK ist gemietet. Er fasst 450 Personen und mit 200 soll die Veranstaltung Ende Oktober über die Bühne gehen – plus zusätzliches Streaming. Aber so international wie die Veranstaltung schon war, wird sie heuer sicher nicht werden …

Die letzte Frage ist für Studierende gar nicht so unwichtig: Die FH übersiedelt?
Ja, der Bereich Verpackungs- und Ressourcenmanagement übersiedelt im Herbst 2022 an den Hauptstandort der FH Campus Wien am „Alten Landgut“ im 10. Wiener Gemeindebezirk. Dort wird das „House of Science und Engineering“ gebaut. In das werden wir einziehen. Es entsteht die sogenannte Science City, in der alle Studiengänge und Departments der FH vereint werden. Das bringt uns viele Vorteile in Form von wissenschaftlichen Syn-ergien. Aber auch für die Studierenden wird das Campusleben sicherlich attraktiver als hier in der Abgeschiedenheit der „Marx-Box“.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Mag. Gernot Rath, Chefredakteur der Pack & Log

www.fh-campuswien.ac.at

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