„Um dem Littering Herr zu werden, hilft im ersten Schritt Vermeidung“, betont Frank Hofer, Geschäftsführer der Pirlo Tubes GmbH nachdrücklich
Im Rahmen des EU-Kreislauf- wirtschaftspakets wurden im Juni 2018 u.a. die Änderungen der EU Abfallrahmen- und Verpackungs-Richtlinie kundgemacht. So sollen z.B. bis 2025 50 % der Kunststoffverpackungen rezykliert werden. „Circular Packaging Design“ oder auch „Design for Recycling“ heißt daher das Gebot der Stunde. Aber lässt sich wirklich alles recyclen bzw. ist es überhaupt sinnvoll, alles zu recyclen? Es sind noch viele Fragen offen – besonders in der Kunststoffbranche, wo der Handlungsbedarf am größten ist. Aber gerade dort spürt man eine gewisse Verunsicherung. Pack & Log hat die Spezialisten der Pirlo Tubes GmbH zu einem kontroversiellen Gespräch zum Thema Recycling gebeten. Geschäftsführer Frank Hofer und Produktmanagerin Katharina Schreder sprechen über ihre Sicht der Dinge.
 
Ist Recycling die Lösung unserer Probleme?
Hofer: Nein! Das stellt schon die EU-Abfallrichtlinie 2008/98/EG klar. Die oberste Prämisse, wenn es um Nachhaltigkeit geht, ist nicht das Recycling oder die besondere Recyclingfähigkeit, sondern die Abfallvermeidung. Recycling nimmt in dieser Hierarchie – nach der Vermeidung und der Vorbereitung zur Wiederverwertung – erst den dritten Rang ein.
Das begründet sich auch aus den Bildern, die uns die Medien tagtäglich liefern. Die Plastikberge in den Meeren und an den Stränden werden durch Recycling nicht weniger. Für Meerestiere macht der Verzehr von recyceltem Kunststoff keinen Unterschied zu Primärkunststoff – die Konsequenzen sind ebenso tragisch. Um dem Littering Herr zu werden hilft im ersten Schritt Vermeidung.

Was heißt das in der Praxis?
Hofer: Wir haben zu viele Verpackungen, zu viele sinnlose Verpackungen und verschwenden auf diese Weise eine große Menge an Ressourcen. Der Hauptfokus muss daher sowohl auf der Vermeidung von Verpackungsmüll als auch auf der Einsparung von Rohstoffen liegen. Primärverpackungen sind sinnvoll zu gestalten und Sekundärverpackungen weitestgehend zu vermeiden.
 
Kann man nicht Vermeidung und Recycling in Einklang bringen?
Schreder: Das wäre das Ziel, aber wir haben jetzt – bedingt durch Themen wie „Circular Packaging Design“ oder „Design for Recycling“ – einen regelrechten Recycling-Wahn. Auf einmal heißt es: Nicht nur Verbundmaterialien sind schlecht, auch Füllstoffe, die eigentlich nur zur Ressourcenschonung des Primärmaterials dienen und die in keiner Phase negative Auswirkungen auf die Umwelt haben, sind unerwünscht, da diese im Recycling stören. Für uns ist es wichtig festzuhalten, dass wir Vermeidung sowohl als Ressourcenschonung bei der Erzeugung von Verpackung als auch hinsichtlich eines reduzierten Abfallaufkommens verstehen.
 
Welche Konsequenzen hat dieses einseitige Recycling-Denken?
Hofer: Die Gesellschaft verlangt derzeit nach Verpackungen aus recycliertem Kunststoff und der Handel und die Markenartikler pushen dieses Thema daher enorm. Aber woher kommen die ganzen recyclierten Kunststoffverpackungen? Aus Plastikmüll! Also erfülle ich dieses Bedürfnis, indem ich soviel Plastikmüll wie möglich generiere, nur um überhaupt recyceln zu können. Aber auf diese Weise führt das Recycling die Nachhaltigkeit ad absurdum!
 
Können Sie dafür ein praktisches Beispiel bringen?
Hofer: Ein namhafter Diskonter für Kosmetikartikel, der vor Jahren der Vorreiter für den Einsatz der ressourcensparenden Laminattube war, machte nun eine Kehrtwende und ist wieder zu extrudierten Tuben zurückgekehrt. Grund: Dort können bis zu 50 % PCR (Post Consumer Recycled) Material mitverarbeitet werden. Allerdings mit der Konsequenz, dass jetzt wieder Wandstärken von 500 bis 600 µm notwendig sind. Das ist begründet durch das Downcycling des Kunststoffes und durch die Einschränkungen der europäischen Rechtssprechung. Denn die Auflagen für recyclierten Kunststoff im direkten Kontakt mit Lebensmitteln oder auch Kosmetikprodukten sind enorm hoch. Daher werden 50 % der Tube mit Primärrohstoff gefertigt – entspricht in etwa der Kunststoffmenge einer Laminattube – plus 50 % recyclierter Kunststoff.  Ich habe auf diese Weise eine Tube mit doppelter Wandstärke geschaffen, die nur eine Botschaft hat: Diese Tube besteht aus 50 % Recyclat. So lassen sich heute Produkte verkaufen. Das ist reines Greenwashing. Der Nachhaltigkeit ist so nicht gedient, denn ich generiere auf diese Weise die doppelte Menge an Abfall. Das kann es nicht sein. Man muss schon differenzierter denken.
 
„Verfügt die Tube z.B. über eine ABL-Barriere (Aluminium-Barriere-Laminate) ist das Material nicht mehr homogen und das Recycling nicht möglich“, erklärt Katharina Schreder, Produktmanagement Pirlo Tubes GmbH
Und eine Laminattube kann ich nicht recyclieren?
Schreder: Doch, aber es ist eine Frage des Aufwandes. Im Fokus stehen dabei Kunststofftuben, die nicht reinstofflich, sondern aus verschiedenen Stoffen zusammengesetzt sind. Verfügt die Tube z.B. über eine ABL-Barriere (Aluminium-Barriere-Laminate), ist das Material nicht mehr homogen und das Recycling nicht möglich.
Herkömmliche Laminattuben bestehen aus verschiedenen Lagen Polyethylen – als Barriereschicht ist EVOH eingebettet. Der stoffliche Anteil in einer Laminattube an EVOH liegt dabei unter 5 % und kann somit hinsichtlich einer Beeinflussung der Recyclingfähigkeit vernachlässigt werden. Gleiches gilt auch für die aufgebrachten Druckfarben. Die Schulter – mit Entnahmeöffnung – besteht in der Regel ebenfalls aus Polyethylen (PE). Die Verschlusskappe aus Polypropylen (PP). Sowohl PE als auch PP gehören zur Gruppe der Polyolefine. In der Abfallsortieranlage wird die Laminattube auch als solche erkannt und kann dem stofflichen Recycling zugeführt werden. Das entstehende Granulat wird im Weiteren dem Primärkunststoff zugeführt und kann so den Einsatz an Rohstoffen entsprechend reduzieren.
Eine besondere Form der Laminattube ist die „Reinstofftube aus Polypropylen“. Hier ist der Tubenkörper, die Tubenschulter und die Verschlusskappe aus Polypropylen. Auch hier ist die eingearbeitete Barriere aus EVOH und liegt anteilsmäßig deutlich unter 5 %. Dadurch besteht die Möglichkeit, diese Verpackung vollumfänglich als Polypropylen zu recyclieren und dem Stoffstrom wieder zuzuführen.
 
Also, alles bestens: Die Laminattuben können recycliert werden …
Hofer: … so einfach ist es leider nicht. Prinzipiell kann man zwar die Laminattube in der Kunststoffsammlung entsorgen, aber es existieren innerhalb der Kunststoffsammlung bis dato keine separaten Stoffströme für PE und PP. Würde es diese Enstorgungswege geben, könnte auch die Laminattube ordnungsgemäß recycliert werden. Wir als Hersteller haben darauf aber wenig Einfluss. Das Material ist grundsätzlich dafür geeignet. Damit haben wir die Anforderungen des neuen Verpackungsgesetzes erst einmal erfüllt.
Allerdings sind Polyethylen und Polypropylen Kunststoffe, die einem Downcycling unterliegen. Daher muss man erst einmal bewerten, ob es überhaupt Sinn macht, aus einer PE-Laminattube eine recyclierte PE-Laminattube zu machen. Es kann auch durchaus sein, dass in diesem Fall das Recycling, selbst unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit, nicht sinnvoll ist.
 
Wie wirkt sich das Downgrading aus?
Schreder: Es verursacht Schlieren und Stippen im Kunststoff. Er ist optisch nicht mehr perfekt. Eine recyclierte Laminattube sieht einfach nicht so gut aus wie eine aus Primärkunststoff. Denn im Endeffekt geht es um den Endverbraucher: Kann er mit diesen optischen Mängeln leben? Diese Diskussion muss erst geführt werden. Im Moment ist es so, dass uns von unseren Folienlieferanten gar keine recyclierten Folien angeboten werden.
Weiters muss natürlich beachtet werden, in welchem Bereich die Kunststofftube eingesetzt wird. In der Lebensmittel- und Pharmaindustrie ist der Anspruch an die Hygiene und damit Reinheit des Materials wesentlich höher als in anderen Branchen. Der Einsatz von Primärkunststoff und Barrieren ist hier unumgänglich.
 
Und die Alternative zum Kunststoffrecycling …
Hofer: … ist die thermische Verwertung. Ich weiß, das Verbrennen von Kunststoffverpackungen ist in der öffentlichen Darstellung ein großes Problem. Es wird nicht recycelt, es wird verbrannt – sozusagen die ultimative Einwegvariante. Aber wie sieht die Realität aus: Heute gewinnt man aus der Müllverbrennung Energie. Nur als Beispiel: Die Müllverbrennungsanlagen von Wien Energie verwerten jährlich rund 900.000 Tonnen Abfall, Sondermüll und Klärschlamm. Die dabei gewonnene Wärmeenergie – rund 1,5 Millionen Megawattstunden pro Jahr – wird ganzjährig in das Fernwärmenetz eingespeist. Ohne den hohen Heizwert von Kunststoff im Restmüll müsste man vermehrt auf endliche Primärrohstoffe (Öl, Erdgas) zum Anheizen der Müllverbrennungsanlagen zurückgreifen. Also auch hier leistet Kunststoff, als Substitut, einen wertvollen Beitrag!
 
Ist nun das Recycling von Kunststoff Unsinn?
Hofer: Nein! Wir sind nicht gegen Recycling. Recycling hilft Rohstoffe einzusparen – wenn entsprechend gesammelt wird, um daraus wieder etwas „Neues“ zu erschaffen. Im Prinzip gilt: Man muss vermeiden, wo man vermeiden kann. Man muss wiederverwerten, wo man wiederverwerten kann. Und wenn man das nicht kann, dann muss man sich einer der sonstigen Verwertungsmöglichkeiten zuwenden, z.B. der thermischen. Aber vor allem muss wert- und vorurteilsfrei entschieden werden, welche Variante die nachhaltigste ist. Im Moment wird jedoch alles dem Dogma des Recyclings untergeordnet. Und das ist nicht der richtige Weg. Denn Recycling wird derzeit in erster Linie als Instrument zum „Greenwashing“ missbraucht. Es hilft auch nichts, wenn einzelne Branchen Design-Richtlinien herausgeben, die eigentlich die Vernunft aus dem Thema Nachhaltigkeit herausnehmen und damit Themen wie Rohstoffoptimierung und Müllvermeidung ad absurdum führen. Und diese Diskussion wird derzeit unter verschiedenen Überschriften wie „Circular Packaging Design“, „Design for Recycling“ o. ä. geführt.
 
Vielen Dank für das Gespräch.
 
Das Interview führte Mag. Gernot Rath, Chefredakteur Pack & Log
 

Zurück