Die PROPAK-Industrie und das Virus

 

Während sich der Mensch langsam vom Corona-Virus erholt, leidet die Wirtschaft nach wie vor massiv unter den Auswirkungen. Nicht jede Branche gleich – die eine mehr, die andere weniger. Man möchte meinen, dass Verpackungen aus Papier und Karton zu den Gewinnern dieser Krise zählen, immerhin gelten sie als systemrelevant, aber die Branche ist sehr vielfältig, deshalb hat Pack & Log bei Mag. Martin Widermann, Geschäftsführer des Fachverbandes PROPAK (Produkte aus Papier und Karton) nachgefragt, um mehr über die Hintergründe und Herausforderungen zu erfahren.

 
Mag. Martin Widermann ist Geschäftsführer des Fachverbandes PROPAK
Herr Mag. Widermann, wie geht es der PROPAK-Industrie in der Krise?
Natürlich war es erst einmal ein Schock – wie für alle. Von der wirtschaftlichen Seite her betrachtet geht es der PROPAK sehr durchwachsen. Die Heterogenität der Branche zeigt sich in dieser Ausnahmesituation sehr stark. So haben wir sowohl Firmen, die seit 16. März keinen oder kaum mehr Aufträge bekommen haben als auch solche, die zu Beginn der Krise in der Auftragslage noch über dem Vorjahr lagen – obwohl sich die Situation auch hier mittlerweile ins Minus gedreht hat.
Insgesamt war und ist unsere Industrie immer voll operativ tätig – das dank exzellent praktizierter Hygiene und Sicherheitsregeln.
 
Sie haben die Heterogenität der Branche angesprochen. Können Sie diese hinsichtlich der Auftragslage aufzeigen?
Gut beschäftigt war Mitte März grosso modo die Verpackungsindustrie, wobei man differenzieren muss: wer nahe an der Grundversorgung – Nahrungsmittel- bzw. Pharmaindustrie – operiert, hatte eine gute Auslastung, die Auftragseingänge waren von den Supermärkten getrieben zu diesem Zeitpunkt stark. Betriebe, die z.B. Verpackungen für die Automobilindustrie oder Baumärkte liefern, hatten von Beginn an mit starken Einbrüchen zu kämpfen.
Es gab auch außerhalb der Verpackungsindus-trie PROPAK-Bereiche, die zu diesem Zeitpunkt gut gingen: Hygieneartikel - nicht weiter überraschend -, Etiketten, auch der Zigarettenbereich – obwohl man das bei dem negativen Images vielleicht gar nicht laut sagen sollte – wird in Krisenzeiten immer nachgefragt. Buchbindereien und Nischenprodukte hatten es dagegen von Vornherein sehr schwer …
Wie gesagt manifestieren sich mittlerweile auch in den anfangs gut beschäftigten Bereichen rückläufige Tendenzen. Da Sie von Gewinnern der Krise sprechen: die PROPAK Branche ist – jedenfalls war das in der Vergangenheit immer so – nicht der größte Verlierer in Krisen. Aber sie kann sich der Situation nicht entziehen und so hat sich die Auftragslage ab Anfang Mai ins Negative verkehrt.
 
Das führt mich direkt zur nächsten Frage: Wie gehen die Unternehmen mit der Krise um?
Ein großes Lob an die Sozialpartnerschaft, die sehr schnell zueinander gefunden hat, um den Betrieben in Form der „Corona-Notfalls-Vereinbarung“ ein befristetes Modell der Arbeitszeitflexibilisierung zur Verfügung zu stellen. Aktuell ist für rund 1.500 Arbei- terInnen die Einrichtung eines Arbeitszeitkontos geplant, das einen Ausgleich zwischen Zeiten mit hoher und solchen mit niedriger Auslastung in einem Durchrechnungszeitraum bis zum Jahresende ermöglicht.
Dennoch bleiben die Personalkosten ein großes Thema. Wir haben hierzu auch eine Umfrage unter unseren Mitgliedern gemacht – Repräsentanz: 70 % der insgesamt 9.200 Beschäftigten der Branche. Das Ergebnis zeigt, dass die Hälfte der (teilnehmenden) Betriebe Kurzarbeit anwendet, wobei gegenwärtig ein vergleichsweise geringer Teil der Beschäftigten betroffen ist: Insgesamt befinden sich 12 Prozent der Beschäftigten (750 Personen) der PROPAK-Industrie in Kurzarbeit, das Ausmaß der Arbeitszeit liegt meist zwischen 10 und 50 Prozent der Normalarbeitszeit. Betroffen von Kurzarbeit ist z.B. der Außendienst. Nicht verwunderlich, denn es ist ja aufgrund der Regelungen gar nicht erlaubt, andere Betriebe bzw. Kunden zu besuchen.
Letztlich ermöglicht die Anwendung dieser beiden Arbeitszeitinstrumente den Unternehmen, sowohl Standorte zu sichern als auch Beschäftigte und Know-how in den Betrieben zu halten.
 
Wenn Sie einen Wunsch an die Bundesregierung frei hätten, wie würde dieser lauten?
(lacht) Lohnnebenkosten senken! Ich weiß, das ist selbst für einen Wunsch unrealistisch, aber probieren kann man es. Im Ernst, wir sind gerade dabei, unsere Mitglieder abzufragen und hoch im Kurs sind die Themen Liquidität und Eigenkapitalstärkung. Vor allem aber das Hochfahren der Wirtschaft, der Gastrobereich und die Hotellerie sind ein großes Kundensegment für PROPAK Betriebe …
 
Speziell Lebens- mittel- und Pharmaverpackungen sind in Corona- Zeiten systemrelevant
Die Corona-Krise wird hoffentlich bald vorbei sein, übrig bleibt die Wirtschaftskrise. Wie ist Ihr Ausblick in die Zukunft?
Wir sind zwar nicht behördlich gesperrt worden wie andere Wirtschaftszweige, aber für eine Industrie, die über einen Exportanteil von 75 % verfügt, hat allein das Schließen von Grenzen natürlich schon gravierende Auswirkungen. Lieferwege werden entweder ganz unterbrochen oder zumindest durch stundenlange Grenzwartezeiten sehr erschwert. Und mit Sicherheit dauert das Hochfahren der Wirtschaft deutlich länger als ihr Shut down. Zudem wird das Hochfahren der Wirtschaft in den einzelnen Ländern – abhängig von der jeweiligen Corona-Situation – mit unterschiedlicher Geschwindigkeit vonstattengehen. Bis sich alle europäischen Länder wieder auf einem einheitlichen Normalzustand eingependelt haben, wird wohl noch viel Zeit vergehen.
Daher gehen wir als Fachverband davon aus, dass die Unternehmen in den nächsten Wochen und Monaten mit sehr starker Volatilität und Kapazitätsschwankungen bei insgesamt klar negativem Trend konfrontiert sein werden.
 
Glauben Sie, dass langfristig positive Effekte der Krise hängen bleiben werden? Stichwort: Arbeitszeitflexibilisierung?
Das wäre schön, ist aber meiner Meinung nach Wunschdenken. Die Corona-Notfalls-Vereinbarung ist zeitlich befristet. Wir werden das Thema weiterverfolgen, aber diese Vereinbarung wird sicherlich nicht eins zu eins in den Regelbetrieb übernommen, so realistisch muss man sein. Insgesamt begleitet uns das Thema Arbeitszeitflexibilisierung schon sehr lange Zeit, und, da bin ich mir sicher, es wird uns weiter begleiten.
Hingegen wird sich sicherlich die Digitalisierung nachhaltig in den Betrieben manifestieren und mit ihr wird auch die Automatisierung der Produktionsabläufe weiter vorangetrieben.
Auch geschäftliche Termine mit wenigen Teilnehmern und technischem Inhalt werden in Zukunft wohl verstärkt digital ablaufen. Sobald allerdings der Netzwerkcharakter einer Veranstaltung wichtig wird, ist physische Präsenz erforderlich, denn ein virtuelles Treffen kann den persönlichen Kontakt nicht in gleicher Qualität ersetzen.
Ebenso ein spannender Aspekt der Krise ist das Homeoffice. Auch dieses Thema wird uns wohl noch begleiten.
 
Bleiben wir beim Thema Arbeit: Neben der Arbeitszeitflexibilisierung ist auch das Thema Lehrlinge ein Dauerbrenner – jetzt noch verstärkt durch die Corona-Krise?
Wir hatten noch Glück, denn 33 Lehrlinge konnten ihren Lehrabschluss Verpackungstechnik noch vor Corona und dem Shutdown erfolgreich abschließen.
Österreichweit werden derzeit 139 Lehrlinge für Verpackungstechnik ausgebildet – ein Plus von 8,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die meisten VerpackungstechnikerInnen gibt es in Vorarlberg (37 %), gefolgt von Wien (13 %) und Niederösterreich (12 %). In den PROPAK-Betrieben haben im Vorjahr 30 Jugendliche mit der Lehrausbildung Verpackungstechnik gestartet – seit fünf Jahren ein neuer Höchststand. Insgesamt stehen in den 37 ausbildenden PROPAK-Unternehmen aktuell 233 Lehrlinge in 21 Lehrberufen in Ausbildung, davon 87 im Lehrberuf Verpackungstechnik.
Zudem bleiben die meisten Jugendlichen, die zu VerpackungstechnikerInnen ausgebildet wurden, nach ihrem Lehrabschluss im selben Unternehmen beschäftigt. Das freut uns besonders, denn diese hohe Behaltequote stellt den ausbildenden Betrieben, wie der gesamten Branche, ein sehr gutes Zeugnis aus.
Auch das Studium der Verpackungstechnologie an der FH Campus Wien wird sehr gut angenommen – es gibt mehr Bewerber als Plätze. Das ist angesichts des Wettbewerbs um die besten Talente eine erfreuliche Entwicklung. Aber nicht nur das, denn das gestiegene Interesse an einem Beruf im Umfeld der Verpackung indiziert auch, dass der Stellenwert der Verpackung – insbesondere einer so nachhaltigen und umweltfreundlichen wie jener aus Papier und Karton – innerhalb der Gesellschaft gestiegen ist!
 
Mit und ohne Corona, die Zeiten und mit ihr die Verpackungen ändern sich. Wie hat sich das Berufsbild des Verpackungstechnikers verändert?
Im Prinzip wurde aus einem Beruf mit einem hohen Anteil an mechanischen Tätigkeiten ein Beruf mit stetig steigenden automatisierten, digitalen Aufgaben. Um den rasanten technischen Entwicklungen der Betriebe auch Rechnung zu tragen, arbeiten wir zurzeit daran, auch die Ausbildung entsprechend zu modernisieren. Die überarbeiteten Lehrpläne sollten dann für das Schuljahr 2021/22 zur Verfügung stehen.
 
Vielen Dank für das Gespräch.
 
Das Interview wurde von Mag. Gernot Rath, Chefredakteur Pack & Log geführt. Erschienen ist es in
Ausgabe 05 / 2020
 
Der Fachverband PROPAK und die Vereinigung PROPAK Austria repräsentieren die industriellen Hersteller von Produkten aus Papier und Karton in Österreich. Rund 90 Unternehmen verarbeiten und veredeln mit mehr als 9.200 MitarbeiterInnen in Österreich jährlich 1,2 Mio. Tonnen Papier und Karton zu Wellpappe, Verpackungen, Papierwaren für Hygiene und Haushalt, Büro- und Organisationsmitteln, Büchern und Broschüren sowie sonstigen Papierwaren. www.propak.at

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